Wie hat sich Rap-Musik und deren Künstler im Laufe der Zeit entwickelt? Welche Aspekte stehen zukünftig im Fokus? Welche Perspektiven hat diese Kunstform im allgemeinen? Ist Hip Hop erwachsen geworden? Was ist vom ursprünglichen Spirit überhaupt noch übrig geblieben? Diese Themen sind sehr komplex. Ein nicht abschliessender Erklärungsversuch.

Wie steht Hip Hop heute da?

Die Spitze beziehungsweise die Aushängeschilder der Rap-Kultur sind heute grosse Geschäftsmänner. André Romell Young, besser bekannt als Dr. Dre, hat eine Kopfhörer-Firma für 3,2 Milliarden an Apple verkauft. Der ehemalige Dealer Shawn Carter alias Jay-Z ist einer der einflussreichsten Männer in der Musikindustrie. Er gründete neben seinem Label Roc Nation unter anderem einen Streaming-Service und einen Entertainment Booking/Management-Ableger. Dort managt er unter anderem diverse Künstler wie Kanye West, Rihanna, Timbaland, HAIM oder neu auch den Fussballer Jérome Boateng. Seine Partner dabei sind Live Nation und die Universal Musik – Gruppe. Da wird im grossen Teich gefischt.

Kanye West kann getrost als faszinierender Avantgardist und Gesamtkunstwerk zwischen Musik, Kunst und Fashion bezeichnet werden. Dasselbe gilt, in ähnlicher Form, auch für einen gewissen Pharrell Williams. Man könnte meinen, dass alles was er anfasst automatisch zu Gold wird. Weiss einer überhaupt noch wie viele Hits er in den letzten Jahren vom Stapel gelassen hat oder dann für andere Künstler produziert hat? Als der kommerziell erfolgreichste Rapper der Geschichte gilt Eminem mit ca. 120 Millionen verkauften Einheiten. Die Superstars sind mächtig geworden und Rap generell ein riesengrosses Business. Ob sich die erste Generation von „Rap-Superstars“ wie Kool Moe Dee, Busy Bee oder Doug E. Fresh die heutigen Ausmaße damals auch nur ansatzweise vorstellen konnten? Wohl kaum.

Was sind die Ursprünge der Kultur? Was ist davon übriggeblieben?

Rap kann heutzutage fast alles. Er unterhält den Mainstream und die Feuilletons dieser Welt und liefert Inhalte für erfolgreiche TV-Serien wie zum Beispiel Empire. Rap war schon immer Unterhaltung. Man denke nur an gecastete Gruppen wie zum Beispiel die legendäre Sugarhill Gang. Diese wurde von Sylvia Robinson, einer Produzentin und Label-Inhaberin, zusammengestellt und feierte damit die ersten kommerziellen Erfolge des Genres. Musikalisch basierte das Ganze auf gesampleter Disco-Musik, die zum Beispiel von Chic kam. Nebenbei gab es aber eine Vielzahl an MC’s und Gruppen die Rap abseits von Glitzer als kritisches Sprachrohr, einer unterdrückten Gesellschaft, nutzten. Hier liegen die Wurzeln von Rap. Auf harten und rohen Beats prangerten sie die Missstände und Ungerechtigkeiten an. Rap ist im Ursprung als kritisches Sprachrohr der Gesellschaft genutzt worden.

Kendrick-lamar

Kendrick Lamar spricht aktuelle Themen an

Was ist davon heutzutage geblieben? Wie subversiv ist Rap heute noch? Wo Licht ist, ist auch Schatten. Als aktuelles Beispiel sei hier Kendrick Lamar erwähnt. Der vermutlich relevanteste Rapper 2015 spricht die Themen und Probleme vom schwarzen Amerika klar und deutlich an: Gewalt, Rassimus und Armut. Auf einem Klangbild, einem Mix aus Jazz und Westküsten-Funk, das manchem zu anstrengend und insgesamt zu komplex ist. Auch bezüglich der Song-Strukturen die teilweise klar vom gängigen Schema abweichen. Dennoch: Er wird von der Masse gefeiert und es liegt trotz allem auch mal ein Featuring bei Taylor Swift drin. Rap bietet immernoch eine grosse und interessante Vielfalt. Vom kleinen Cypher auf der Strasse bin hin zur gnadenlosen Eingänigkeit in der Grossraum-Disco.

Wie könnte die Zukunft von Rap aussehen? Welche Entwicklungen könnten stattfinden?

Die Kunstform als solches wird sich weiterentwickeln und das ist gut so. Will ein Rapper erfolgreich sein, dürfte in Zukunft noch mehr das Gesamtpaket im Fokus stehen. Künstler wie A$AP Rocky stehen nicht nur für Musik sondern vermitteln einen bestimmten Lifestyle. Marketing, Style und Attitüde werden nicht mehr nur als flankierende Massnahmen genutzt sondern werden immer zentraler werden. Einfach nur gut rappen zu können, heisst nicht automatisch dass man ein internationaler Star wird. Es gibt viele technisch übertrieben gute Rapper die in relativ überschaubarem Rahmen agieren. Diese werden von der Szene gefeiert aber den Eingang in den Mainstream wird ihnen oftmals verwehrt bleiben. Weil sie sich nur auf dieses eine Stilmittel beschränken.

In Sachen Rap-Technik dürfte es keine riesengrosse Entwicklung mehr geben. Das Niveau bezüglich Geschwindigkeit, Doppelreim oder gar Vierfachreim (sogenannte Kombos) ist bereits sehr hoch. Auch bei der Lyrik generell und bei Metaphern ist der Level bereits ziemlich hoch. Weiter verändern könnte sich das instrumentale Klangbild. Bereits heute sind viele Genre-fremde Einflüsse zu hören. Verästelungen wie Trap werden von der HipHop-Szene angenommen und gefeiert. Die Abwechslung scheint willkommen. Unter dem Motto „Frei von Konventionen“ könnte dies weiter verstärkt werden. Egal ob auf 70 BPM oder auf 135 BPM – der Vibe muss stimmen. Klassischer Boom bap-Rap wird auch auf jeden Fall weiter bestehen. Was Leute wie KRS-One Anfang der Neunziger begonnen haben wird aktuell z. B. von einem Joey Badass weitergetragen. Hier ist der Rahmen abgesteckt und lässt keine Innovation zu. Zunehmend an Wichtigkeit gewinnen wird der „Live-Faktor“. Der Künstler muss vor Publikum überzeugen können und es in seinen Bann ziehen. Nur so kann er als Artist überleben und erreicht eine gewisse Masse bzw. Relevanz.

A$AP Rocky

A$AP Rocky – zwischen Musik, Marketing und Lifestyle

So hat er auch die Möglichkeit Kooperationen mit grossen Konzernen eingehen zu können. Dies garantiert eine nachhaltige Karriere. Nur von Plattenverkäufen zu leben ist keine Option mehr. Weiter verändern wird sich vermutlich die Wahrnehmung von Hip Hop und Rap bezüglich der Altersklasse. Hip Hop wird und wurde oft fälschlicherweise als Jugendkultur abgestempelt. Dr. Dre ist 50 Jahre alt. Jay-Z wird es in 4 Jahren ebenfalls sein. Anders gesagt: Leute, die 40 – 50 Jahre alt sind, sind mit HipHop aufgewachsen. Sie hören diese Musik nach wie vor und sind Teil der Szene genau wie die jüngere Generation ebenfalls. Dies gilt auch für die anderen Elemente im Hip Hop wie Breakdance oder DJing. Auch festzustellen sind wiederkehrende Trends, wie zum Beispiel aktuell die ganze Welle aus den Neunzigern. Stark angegliedert an die Fashion-Szene: Fila Sneakers und Champion Sweaters, die den Sound von damals mitziehen. Klassiker die einst totgespielt wurden sind wieder en vogue. Tradition und Avantgarde – sie gehen Seite an Seite oder werden miteinander verbunden. In diesem Sinne: Hip Hop Don’t Stop!

Fotos: Kendrick Lamar, A$AP Rocky

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