Berlin ist Trap Hauptstadt. In keiner anderen deutschen Großstadt wird das Future Genre so sehr gehyped wie hier. Als gebürtiger Hamburger kann ich mich in Punkto musikalischer Vielfalt und Club Auswahl zwar nicht beschweren, aber die besten Trap Parties gab’s bis jetzt immer in Berlin. Das reicht von den unterschiedlichsten Underground Acts bis zu internationalen Stars wie Baauer, WhatSoNot, RL Grime und Mr. Carmack. Wenn sich einer der ganz Großen nach Deutschland verirrt, kann man mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass er nach Berlin kommt. Genauer gesagt in’s Gretchen. Der Club im Herzen von Kreuzberg hat ein hohe Reputation für ganz besondere Musik. Zeit für mich herauszufinden, wer sich eigentlich hinter den Fassaden versteckt:

Ein Club, der in jeder Facette authentisch strahlt

Pamela und Lars waren gemeinsam die Betreiber des Icon und haben das Gretchen 2011 eröffnet. Für Baauers Performance im November bin ich nach Berlin gereist, um die beiden einmal persönlich kennenzulernen und zu erfahren wie viel Future Music tatsächlich im Gretchen steckt. Gegen Mitternacht komme ich im Club an. Der Main Floor ist noch gemäßigt gefüllt und der Pre-Pre-Act dreht die Plattenteller. Düsterer Trap schallt durch das nostalgische Gemäuer. Zwei Mädchen, vermummt in schwarzen Skimasken, tanzen neben der Deejayin – ich bin begeistert vom Ambiente. Pamela empfängt mich an der Bar und erklärt mir, dass Lars grade die Künstler einsammelt. Wir trinken zusammen und unterhalten uns über Vinyl, Serato und die Clubszenen von Berlin und Hamburg. Kurze Zeit später kommt auch Lars dazu und wir gehen in einen ruhigeren Nebenraum, und as Interview zu führen.

Janik: Hallo Lars, hallo Pamela, freut mich euch kennenzulernen. Euer Ruf eilt euch voraus: Als Fan der elektronischen Musik bin ich immer wieder auf euren Club gestoßen. Die meisten Künstler der Future Music Scene – insbesondere aus den USA – treten im Gretchen auf, wenn sie nach Deutschland kommen. Das scheint kein Zufall zu sein. Welches Konzept verfolgt ihr mit eurem Club?

Lars: Musikalisch sind wir schon ein sehr breit aufgestellter Club, der vor allen Dingen die Idee verfolgt qualitativ hochwertige Musik zu featuren. Neben Trap oder Future Bass machen wir aber genau so gut  auch Musik wie Jazz, Funk, Hip Hop, DrumNBass oder ganz andere, experimentelle Sachen. Uns geht es vor allem darum, neue Musik zu entdecken, aber manchmal eben auch in die Vergangenheit zu gehen, um die Roots von bestimmten Sachen zu zeigen. Letztendlich haben alle Genres ihren Zusammenhang und bauen aufeinander auf.

Pamela: Das Ganze gibt’s halt im elektronischen Bereich, als Club Nächte, aber eben auch Live mit Bands auf der Bühne.

Janik: Was bedeutet hochqualitative Musik für euch ?

Pamela: Im Grunde heißt das für uns wenig bis kein Techno, wenig House, sondern Dinge, die einen gewissen musikalischen Anspruch haben. Das heißt Musik, die von der Art und Weise der Produktion, von den Beats oder einfach von den Themen her interessant ist. Was wir tatsächlich nicht machen ist schlichtes BUMBUM. Berlin steht bzw. stand lange Zeit lang für Minimal und Musik in der Art, das versuchen wir zu vermeiden.

Lars: Das stimmt nämlich auch so nicht und wurde von bestimmten Leuten immer nur nach außen verkauft. Selbst in den 80er/ 90er Jahren hatte Berlin immer eine ganz große Vielfalt, aber es wird halt immer darauf reduziert, dass es eine Techno Metropole ist. Allerdings gibt es ganz viele verschiedene Szenen, die einfach ihr Ding machen und da sind. Es ist auch extrem wichtig für so eine Stadt, open minded zu sein und  – so machen wir das auch – und den Leuten ganz viele verschiedene Sachen zu präsentieren. Ein Großteil unseres Publikums vertraut uns und ist auch begeistert mal neue Sachen auszuprobieren. Pamela hat das mal ganz schön gesagt: Es gibt  sehr viele Leute, die seit Jahren zu unseren DrumNBass Parties kommen, aber eben auch mal auf ein Jazz oder Future Bass Event vorbeischauen.

Pamela: Undzwar aufgrund der Tatsache, dass sie uns vertrauen. Die wissen, dass wir total hinter der Musik stehen. Die Leute die uns kennen, die schon lange unsere Stammgäste sind und auch früher im Icon gewesen sind, die wissen sozusagen, dass es auch seinen Grund hat, wenn wir einen bestimmten Künstler präsentieren.

Janik: Also soll die Marke Lars & Pamela bzw. das Gretchen eine Gütesiegel für anspruchsvolle Musik sein? Einem Hotelmanager sagt man ja nach, dass er in seinem Job erst gut ist, wenn er in jedem einzelnen Zimmer des Hotels übernachtet hat. Seid ihr auf jeder einzelnen Party von Anfang bis Ende da, um das Ganze quasi wie ein Gast beurteilen zu können?

Pamela: So und so: Viele Leute wissen, dass wir hinter dem Gretchen stehen. Wir sind halt auch wirklich immer hier, bei jeder einzelnen Show, bei jedem Auftritt und am Wochenende. Außer wenn wir mal Urlaub machen – einmal im Jahr für drei Wochen. Aber auch dafür haben wir eine Vertretung, mit der wir seit über 18 Jahren zusammenarbeiten. Ansonsten sind wir immer hier, weil wir das, was wir machen – die Musik – auch persönlich gut finden. Wenn wir Bands hier haben, haben wir einen Techniker zur Hand, wenn’s ein Club Abend wird, kümmert Lars sich selber darum, weil er’s kann. Ich helfe dann meistens an der Bar mit und wenn wir Zeit haben tanzen wir auch.

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Pamela hilft an der Bar aus

Janik: Gab’s da auch schon einmal herbe Enttäuschungen. Zum Beispiel einen Künstler, auf den ihr euch persönlich wahnsinnig gefreut habt  und im Nachhinein dachtet: OMG was war das denn?

Pamela: Ja, was uns halt überhaupt nicht gefällt – und da kann es noch so voll sein  – wenn wir einen Künstler haben, der selber keinen Bock hat. Wir arbeiten 7 Tage die Woche, oft 24 Stunden am Tag, so wie heute: Erst im Büro und nachts dann im Club. Wenn dann auch noch viele Gäste kommen, die Eintritt zahlen, sich darauf freuen, den Künstler Live zu sehen und dann geht dieser Typ hinter die Decks, zieht ne arrogante Fresse und man merkt ihm an, dass es nur ums Geld geht, buchen wir den kein zweites mal. Im Vertrag steht meist eine Playtime von 60 Minuten und es gibt viele Künstler, die weit darüber hinaus spielen und den Resident DJ, der ihn quasi ablösen soll, gar nicht mehr an die Decks lassen, weil er einfach Bock hat. Darüber freuen wir uns.

Janik: Apropos Resident: Ich habe vorhin schon euren Resident Karsten (Soulmind) kennengelernt, der auch sehr schöne Sets spielt. Welchen Anspruch habt ihr an eure Resident DJs?

Pamela: Der muss auf jeden Fall musikalisch offen sein, so wie wir. Wir legen extrem hohen Wert darauf, dass unsere Residents sich auf den Abend vorbereitet. Wir sind der Meinung, dass es eine große Kunst ist, ein Warm Up DJ zu sein. Es gibt viele DJs, die sehr unzufrieden sind, wenn sie „nur“ den Warm Up spielen, aber es ist eine hohe Kunst ein gutes Warm Up zu spielen und die Leute vorzubereiten. Unsere DJs sind in der Lage, dem Abend einen Spannungsbogen zu geben.

Lars: Ich finde, auch wichtig ist, dass unsere Leute einen sehr sehr hohen Anspruch an die Musik haben, sehr hohes technisches Vermögen und auch selber stark daran interessiert sind, neue Sachen zu produzieren und zu entdecken.

Janik: Merkt man das auch eurem Publikum an?

Pamela: Ja, es kommen schon sehr viele Musik interessierte Menschen zu uns, nicht nur einfache Clubgänger. Viele von denen sind auch selber Produzenten oder haben etwas mit Musik zu tun. In der Regel wissen auch immer die meisten, wer wann auflegt und kommen deswegen zu uns. Es gibt viele Läden in Berlin, wo der Name im Vordergrund steht und diese Läden sind auch immer gefüllt. Da sind auch sehr viele Touristen, weil die wissen, dass da was los ist. Das ist bei uns zu einem gewissen Ausmaß zwar auch so, aber die meisten kommen doch eher, weil sie ganz genau wissen, wer grade auflegt. Auf unseren Facebook Events ist das ganz interessant zu beobachten: Da fragen Leute z.B. „Wann spielt denn der Headliner?“ und da brauchen wir selber gar nicht drauf zu antworten, weil es Leute gibt die direkt sagen „Na der Headliner spielt dann und dann und vorher der Resident und nachher der Resident“.

Janik: Wie ist euer Club Soundsystem und Lichtsystem technisch ausgestattet?

Lars: Wir haben eine L Accoustics Anlage, momentan aus meiner Sicht das beste System, was man sich hinstellen kann, wenn man ganz viele unterschiedliche Sachen spielen will. Das Lichtsystem machen wir immer von der Veranstaltung abhängig. Über Projektoren, Beamer, Headlights etc.

Pamela: Ab und zu haben wir auch befreundete VJs hier, die dann ganz genau wissen, was bei unseren Gästen gut ankommt.

Janik: Wie sieht die Türpolitik vor dem Gretchen Club aus?

Pamela: Uns ist ganz wichtig, dass unsere Türsteher grade Sätze formulieren können und vor allem auch wissen, was musikalisch abgeht, das heißt welcher Künstler hier auftreten. Ansonsten geht’s uns darum, dass die Gesetze eingehalten werden. Wie die Leute aussehen, welche Schuhe die anhaben oder ob es jetzt 6 Jungs sind – gibt ja solche Läden – ist uns eigentlich relativ egal. Obwohl wir doch einen relativ hohen Frauenanteil haben, interessanterweise grade auch bei härteren Parties kommen sehr sehr viele Frauen. Wir haben aber auch nicht das Problem, dass Leute hierher kommen, die wir selber gar nicht wollen. Die Leute kommen eben doch sehr gezielt zu uns.

Janik: Zum Abschluss würde mich noch interessieren, was eure erste Scheibe war bzw. habt ihr überhaupt mit Schallplatten angefangen?

Pamela: (Lacht) Auf jeden Fall, ich bin viel zu alt wir diesen digitalen Kram, habe aber tatsächlich mit Kassetten angefangen. Ich bin mit Nena aufgewachsen, habe mir aber dann schnell so Sachen wie Rio Reiser oder U2 angehört. Phil CollinsSting auch, aber ich glaube mein erstes Vinyl könnte von Edie Brickell & New Bohemians gewesen sein, ich weiß es aber nicht mehr genau.

Lars: Vielleicht New Order – Blue Monday?

 

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